
Wer die 21 Treppenstufen ins Obergeschoss des Vavilov-Gebäudes zusammen mit Katrin Menzel hinaufgestiegen ist und vor einer Metalltür mit dem Schild „Dachraum 2.03“ steht, ahnt nicht, dass sich hinter dieser Tür ein Stück Institutsgeschichte verbirgt. Oder genauer gesagt: zahlreiche Stücke. Doch selbst die Leiterin der Arbeitsgruppe „Campusmanagement und Logistik“ kommt kurz vor Pfingsten aus dem Staunen nicht mehr heraus, nachdem sie die Tür geöffnet hat.
Ihr Weg führt zunächst zu einer großen Schauvitrine. „Das ist gute Tischlerarbeit aus der Zeit der Akademie der Wissenschaften der DDR“, sagt die 57-Jährige. „Wiederverwertung, Vavilov-Haus“ steht auf einem eingerissenen Zettel auf der Glasabdeckung. „Das gute Stück muss also noch warten“, schmunzelt Katrin Menzel und arbeitet sich langsam weiter zu einem der vielen Regale vor. Dort liegen schwere Holzrahmen mit Schautafeln übereinandergestapelt. Unter einer verstaubten Glasabdeckung liegen zwei Reihen mit je 23 Reagenzgläsern, in denen sich Proben aus dem Bohnensortiment befinden. „Links Wildformen und Landorten, rechts Hochzuchtsorten“, wie die Beschriftung verrät. „Das wäre bestimmt sehr interessant für Kerstin Neumann“, meint die Campusmanagerin. „Sie hat sich im INCREASE-Projekt ja intensiv mit der Bohnenvielfalt beschäftigt.“
Doch im „Dachraum 2.03“ verbergen sich noch weitere Schätze. Mehr als 40 schwere Kisten von früheren Expeditionen und Sammelreisen stehen gestapelt in der Ecke. Teils aus Holz, teils aus Hartpappe mit Metallrändern, sagt die 57-Jährige, nachdem sie einige der Kisten abgeklopft hat. Wohin einige der Kisten der Akademie der Wissenschaften der DDR geschickt wurden, steht in großen, schwarzen Buchstaben auf den Seitenwänden: „R. Inst. A. v. Humboldt“. „Das war das Tropeninstitut der DDR auf Kuba“, berichtet Katrin Menzel. Und beim Adresszusatz „R. Boyeros“ handelt es sich offensichtlich nicht um einen Forscher, wie Katrin Menzel zunächst vermutet, sondern um einen Stadtteil Havannas.
Diese alten Expeditionskisten gehörten zu den
ganz besonderen Fundstücken bei Katrin Menzels
Tour über die Dachböden.
Bei einer weiteren Holzkiste ist die Zuordnung noch einfacher: „Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung. DDR, 4235 Gatersleben. Dr. K. Pistrick“ steht auf dem Deckel einer grauen Holzkiste. Im Schloss baumelt der Schlüssel, und Katrin Menzel hebt langsam den Deckel. Zum Vorschein kommen unter anderem eine Zeltplane, ein Sammelsack sowie ein Säckchen mit Plastikflügelschrauben. Doch auch eine alte, schwere Pflanzenpresse, eine Botanisiertrommel und ein ausziehbares Feldbett sind dort zu finden.
„Ich könnte hier noch lange stöbern, aber wir müssen weiter“, betont Katrin Menzel. Vom Dachboden des Vavilov-Gebäudes geht es also weiter auf den alten Zwiebelboden. Sie öffnet eine alte, braune Holztür auf dem Wirtschaftshof- und als es dort die steile Treppe hinaufgeht, steigt einem tatsächlich sofort ein intensiver Zwiebelgeruch in die Nase. „Hier werden weiterhin Zwiebeln getrocknet“, sagt Katrin Menzel, zieht eine kleine Papiertüte aus dem Regal und hält sie sich unter die Nase. Ins Auge fällt einem auf dem langen Dachboden aber vor allem ein massiver, brauner Holzschrank. Die 18 kleinen Fächer und vier breiten Schubladen sind sauber beschriftet und wären sicher ein Paradies für jeden Heimwerker. Neben Holz-, Senk- und Zylinderschrauben gibt es unter anderem Muttern, Nieten und Schaltröhren. „Ich frage mich, ob das heute noch jemand hier am Institut benutzen würde?“, sagt Katrin Menzel. Nach einem kurzen Blick durch eine alte Ernteluke an der Stirnseite des Bodens, geht es durch eine Seitentür gleich auf den nächsten Boden im Friedrich-Miescher-Haus.
„Unser Sorgenkind“, sagt die Arbeitsgruppenleiterin. Denn auf diesem Dachboden treibt der Marder häufig sein Unwesen und sorgt regelmäßig für Einsätze der Feuerwehr. Das Problem: Die Tiere zerfleischen regelrecht die Isolierungen. Immerhin: Heute sieht alles ordentlicher aus als noch vor einigen Monaten. „Wir haben hier einiges entrümpelt“, sagt Katrin Menzel. Zwei Arbeitsgruppen haben hier noch Gegenstände eingelagert und die Bereiche mit den jeweiligen Kürzeln beschriftet. So übersichtlich es auf dem Dachboden aussieht, so unübersichtlich geht es danach weiter. Katrin Menzel öffnet eine Tür nach der anderen, bis sie schließlich im Pausenraum der Abteilung „Physiologie und Zellbiologie“ steht.
Vom Friedrich-Miescher-Haus geht es weiter in die Bibliothek. „Nach so vielen Treppen können wir hier mal den Fahrstuhl nehmen!“, entscheidet die Campusmanagerin. Gleich vorne links, auf dem Dachboden, stehen zahlreiche Bilder, angelehnt an der Wand. Porträts, Landschaften, Pflanzen. „Ob Schätze dabei sind, kann ich natürlich nicht sagen“, schmunzelt die Arbeitsgruppenleiterin. Doch nicht nur Kunst gibt es hier zu sehen, sondern auch zwei alte Karteikartenkästen. Die Fächer lassen sich an einem kleinen Metallgriff leicht öffnen, aber die Entriegelung zum Auffädeln der Karteikarten klemmt. „Zwei Schatzkästchen sind beide Stücke für mich trotzdem.“
Vergleichsweise unspektakulär geht es in der sogenannten Darre weiter, dem Dachboden oberhalb der Kühlzellen der Genbank. „Hier war ich bestimmt zehn Jahre lang nicht“, sagt Katrin Menzel, als sie den Raum mit der Nummer 1.20 öffnet. In den Regalen stehen Kisten mit Weckgläsern für die Genbank-Akzessionen und Keimpapier, aber auch eine alte Robotron-Schreibmaschine hat dort noch ihren Platz.
„Hier muss dringend aufgeräumt werden“, sagt Katrin Menzel auf der letzten Station des Rundganges, dem Dachboden der Genetik. Insbesondere der Zustand des ersten der drei Räume ist der Campusmanagerin ein Dorn im Auge. Eine Tür weiter wird es jedoch wieder historisch. Unter grünen Bettlaken entdeckt sie zwei alte Stühle. „Die haben sicher einmal zur Ausstattung des Direktorenzimmers gehört“, sagt die 57-Jährige und macht es sich in einem der beiden Stühle bequem. Von dort aus fällt ihr Blick auf eine Regalreihe voller alter Instrumente. Eine alte Zentrifuge, ein Frequenzmesser und eine Belichtungsuhr liegen dort ebenso wie eine Schmalspurfilmkamera.
Nach knapp zwei Stunden ist der Rundgang der besonderen Art vorbei. „Auf unseren Dachböden liegen wirklich noch viele Schatzstücke“, sagt Katrin Menzel beim Abschied. „Vielleicht können wir ja einige davon aufbereiten und ausstellen.“ Anna Backhaus hat bereits einen Anfang gemacht. Die Leiterin der Arbeitsgruppe „Ressourcengenetik und Reproduktion“ hat vor wenigen Wochen eine der Expeditionskisten in ihr neues Büro gestellt. Katrin Menzel hingegen ist seit einiger Zeit auf der Suche nach dem alten Gestühl aus dem Hörsaal. „Ich hatte gedacht, dass es das noch auf einem der Böden gibt. Vielleicht finde ich es bei einer der nächsten Touren über die Dachböden.“